03841 - Geschichten meiner Stadt

„Stephan Cremer hat mich fotografiert. Jetzt will er wissen, was ich an Wismar interessant finde, damit er’s unter sein Foto schreiben kann. Eine Sache soll ich nennen.
Mal nachdenken. Die Sankt-Georgen-Kirche? Berthold Börners „Nikolaiblick“? Den Friedhof?
In Bertholds Kneipe geht es laut zu, in St. Georgen still, auf dem Friedhof sehr still. Auf dem Friedhof gibt’s viele Leichen, in St. Georgen ganz wenige, bei Berthold nur hin und wieder eine Schnapsleiche.
Dafür kann man bei ihm hübsche Frauen sehen, in St. Georgen eher selten, auf dem Friedhof eher nie. Da liegen sie ja alle unsichtbar unter der Erde, die einmal hübsch gewesen sein mögen.
Auch finanziell sind die Unterschiede beträchtlich. St. Georgen betritt man in der Regel gratis. Den Friedhof ganz gewiss nicht, jedenfalls nicht als Leiche. Bei Berthold ist man zwar schnell mal den einen oder anderen Euro los, doch dafür kriegt man bei ihm leckeres Bier und gutes Essen. Auf dem Friedhof kriegt man nichts zu essen für sein Geld. Im Gegenteil: Man wird gegessen. Von den Maden.
Apropos Geld – hier die Gemeinsamkeiten meiner drei Favoriten: Bei Berthold habe ich noch keinen einzigen Parkscheinautomaten gesehen, in St. Georgen auch nicht. Auf dem Friedhof gibt’s ganz bestimmt welche – wir sind in Wismar! Hallo! – doch da sind die Dinger so gut getarnt, dass mir zumindest noch keiner aufgefallen ist.
In St. Georgen bin ich auch noch nie einem Sheriff vom Ordnungsamt begegnet. Auf dem Friedhof sowieso nicht, da liegen sie unter der Erde und tun keinem mehr was. Und bei Berthold? Ist mir erst ein einziges Mal einer über den Weg gelaufen, und das auch nur deswegen, weil Bertholds Gäste ihn festgehalten haben, bis der Nachbar – von Bertholds Gästen gewarnt – in sein Auto steigen und wegfahren konnte. Um einen legalen Parkplatz zu suchen.
Einen legalen Parkplatz. In Wismar. Kam der Mann jemals zurück?
Übrigens: An allen drei Orten gibt’s Schilder, bei Berthold am meisten. Ich glaube, in ganz Wismar gibt es nicht so viele Schilder wie in Bertholds Kneipe.
Zum Schluss noch die schönste Gemeinsamkeit meiner drei Favoriten: die völlige Abwesenheit von Radfahrern.
In St. Georgen hat mich noch kein Biker so attackenmäßig von hinten überholt, dass ich in Schockstarre fiel. Passiert mir sonst regelmäßig in Wismar. Kein Fahrradfahrer hat mich je zwischen den Säulen von St. Georgen angeblafft, weil ich nicht untertänigst zur Seite springe. Auch auf dem Friedhof bisher nicht ein einziger Zeitfahrer, der mich beschimpft hätte, weil ich seinem Geschwindigkeitsrauch nicht applaudierte, wie man es üblicherweise tut in Wismar. Null Radfahrer in Sankt Georgen, null Radfahrer auf dem Friedhof. Das muss man sich mal vorstellen!
Und zwischen den Tischen des „Nikolai-Blicks“ kam es auch noch nie vor, dass ein Biker im letzten Moment abbremste und mich beschimpft hat, weil ich mich erdreiste, seinen Bürgersteig zu benutzen. Bei Berthold lassen diese Leute ihre Räder vor der Kneipe stehen, sind freundlich zu den Fußgängern und werden mit jedem Bier zahmer. Vielleicht weil dort der Bürgermeister hin und wieder vorbei guckt.
Also was jetzt: Sankt-Georgen-Kirche? Berthold Börners „Nikolaiblick“? Friedhof? Sag schon, Schreiber! Was findest du interessant? Also gut, ich entscheide mich und antworte: Interessant an Wismar ist Bertholds Kneipe. In St. Georgen nämlich wird kein Bier gezapft und auf den Friedhof komme ich noch früh genug. Und dann nie wieder weg. Bei Berthold schon. Meistens.“

Thomas Ziebula, November 2017

Follow my blog with Bloglovin

Direkt vorab: ein riesiges DANKE an alle 49 Profile dieser, meiner Stadt, die bisher mitgewirkt haben !

Heute ist es mir eine ganz besondere Ehre, das Profil vorzustellen – denn es ist erstens die Nummer 50 und zweitens niemand geringeres als ich selbst.

„Was hast du vom Leben gelernt?“
Man bekommt, was man verdient – da ich der Meinung bin, dass man andere Menschen so behandeln sollte, wie man selbst behandelt werden will. Das gute ist ja, man lernt sein Leben lang und kann sich so entsprechend noch anpassen bzw ändern. Anpassen ist nicht immer gut, Ändern schon – Änderung ist Fortschritt und Fortschritt ist gut. Wer gutes tut… so schließt sich der Kreis und das hab ich mir gerade erst ausgedacht.

Als ich mir meine Ausgabe des 2015er Kalenders mit Motiven der Insel Poel von diesem jungen Herren geholt habe, musste ich das gleich mit einem Foto für meine Reihe nutzen. Schaut mal unter www.georghundt.de dort könnt ihr euch auch einen Kalender besorgen.

„Was hast du vom Leben gelernt?“
…dass ich auf solche Fragen nicht antworten sollte. Das steht mir einfach noch nicht zu, oder? „Scheiße ich hab echt keinen Schimmer gehabt – jetzt bin ich fast 30 und fahr immer noch Rad! Hab kein Führerschein, bin albern und hab Flausen im Kopf“ (Fettes Brot)

„Ich wäre jetzt am liebsten…“
…Unabhängiger. Fotoprojekte, Touren, Bücher, Magazine, Filme und Geschichten – ich will noch so viel machen. Aber wer nicht???

„Könntest du eine Woche lang auf dein Smartphone verzichten?“
Klar, nach drei Monaten Umstellungszeit schon.